Thomas
#Tuchel hatte mit England gerade das Halbfinale der Weltmeisterschaft erreicht. Dennoch sprach er nicht über den Erfolg, sondern über technische Mängel, fehlendes Tempo und darüber, dass diese Leistung gegen den nächsten Gegner nicht reichen werde.
Die Reaktionen folgten sofort. Und sie verraten mehr über unsere Zeit als über den Fußball.
Warum kritisiert ein Trainer seine Mannschaft nach einem Sieg?
Warum kann er den Moment nicht einfach genießen?
Warum lobt er sie nicht?
Selbst Jude Bellingham zeigte sich zunächst irritiert.
Mich irritiert nicht Tuchel. Mich irritiert, dass diese Fragen überhaupt gestellt werden. Denn sie offenbaren eine Eigenart, die weit über den Sport hinausreicht. Wir glauben, Niederlagen seien der gefährlichste Moment einer Entwicklung. Tatsächlich ist es oft der Sieg.
Eine Niederlage zwingt zur Analyse. Ein Sieg verführt dazu, auf sie zu verzichten. Deshalb beginnt die eigentliche Führungsarbeit nicht nach einem verlorenen Spiel, sondern nach einem gewonnenen.
Ich habe in meiner Karriere Spiele gewonnen, bei denen mir schon in der Kabine klar war, dass wir mit dieser Leistung keinen Titel gewinnen würden. Deshalb habe ich nach einem 5:2 Sieg auch schon mal kritisiert, als hätten wir verloren. Das Ergebnis hatte uns gerettet. Die Leistung nicht.
Wer diese beiden Dinge verwechselt, beginnt sich selbst zu täuschen. Und jede große Selbsttäuschung beginnt mit einem Erfolg, den niemand mehr hinterfragt.
Deshalb halte ich die Debatte über Tuchel für so bemerkenswert. Sie richtet sich nicht gegen eine falsche Analyse. Sie richtet sich gegen den Umstand, dass überhaupt analysiert wurde.
#Führung besteht nicht darin, Menschen vor der
#Wirklichkeit zu schützen. Führung besteht darin, ihnen die Wirklichkeit zuzumuten. Das schafft nicht immer Zustimmung. Aber nur daraus entsteht Entwicklung.
Wer nach einem Erfolg ausschließlich bestätigt, was ohnehin jeder hören möchte, verwaltet den Augenblick. Wer nach einem Erfolg den Mut hat, Defizite anzusprechen, übernimmt Verantwortung für die Zukunft.
Der Absturz beginnt selten in der Krise. Er beginnt in dem Moment, in dem niemand mehr bereit ist, den Erfolg infrage zu stellen.
Thomas Tuchel hat nach einem Halbfinaleinzug keine schlechte Stimmung verbreitet. Er hat etwas getan, das im Spitzensport selbstverständlich sein sollte. Er hat verhindert, dass ein Sieg wichtiger wird als die Wahrheit.
Denn der Unterschied zwischen guten und außergewöhnlichen Mannschaften zeigt sich nicht nach Niederlagen, sondern nach Siegen.